Kohlmeisen-Tagebuch

posted by: Gillessen Linda
Zuletzt aktualisiert: 01 Juli 2020
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Anfang April: Der selbst gezimmerte Nistkasten mit Beobachtungskamera ist bezugsfertig.

Ende April: Hin und wieder findet eine Hausbesichtigung von einer Kohlmeise statt, ein paar einzelne Moosblättchen sind zu sehen. Die Meise hackt an den Wänden, sieht nach oben zur Kamera-und ist wieder weg. Stört die Kamera? Sie beschäftigt sich mehrmals intensiv mit den kleinen Abzugslöchern des Bodens. Der NABU hat die doch so empfohlen. Gefallen sie nicht?

Dann passiert eine Weile nichts, wir sind ungeduldig, verschließen die Abzugslöcher.

Anfang Mai findet sich ein Meisenpärchen ein, fliegt wieder weg, kommt Tage später, fliegt wieder weg.

Am 10. Mai dann die Überraschung: Der Nestbau beginnt. Jede Menge trockenes Moos, kleine Halme werden herbeigeholt und mit Hilfe des Schnabels und des Kopfes entlang der Wände zusammengedrückt - wie mühsam.

Am 13. Mai wird die Mitte ausgefüllt, es ist etwas wolliges Material und kleine Federn dabei.
Ein paar Tage Ruhe, bauen sie jetzt noch weiter oder wurden sie Opfer eines Rotmilans, der schon eine Weile seine Kreise zieht?

Am 15. Mai schläft ein völlig aufgeplustertes Kügelchen, unsere Kohlmeise, im Nistkasten.

Am 16. Mai herrscht wieder Stille.

Am Morgen des 17. Mai dann die nächste Überraschung: Mitten im Nest liegt ein rötlich gesprenkeltes Ei.
Nur ein einziges Ei? Normalerweise legen Meisen doch wesentlich mehr. Warum bleibt die Meise nicht im Nest?
Wir lesen das Nistverhalten von Meisen nach und sind beruhigt. Die Eiablage streckt sich über mehrere Tage, das Ausbrüten erfolgt erst wenn alle Eier gelegt wurden.

Am 18. Mai kommt unsere Mieterin wieder zum Schlafen ins Nest.

19. Mai:  Ei Nr. 2 ist da.

Bis 24. Mai kommt täglich ein Ei hinzu, insgesamt sind es nun 7. Acht bis zwölf sind eigentlich normal.
Vielleicht ist unsere Meise noch jung - aller Anfang ist schwer.

25. Mai: Unsere Meise beginnt zu brüten, wird hin und wieder von ihrem Lebensgefährten gefüttert und verlässt tagsüber öfter das Nest, wahrscheinlich auf Futtersuche. Sie ordnet das Gelege immer wieder neu, plustert für die Nächte das Gefieder auf und steckte den Kopf unter einen Flügel.
Die Brutzeit dauert 14 Tage, also ist Geduld gefragt.

05. Juni, 06:20:  Es ist soweit, früher als erwartet. Drei Meisenkinder sind geschlüpft, sperren ihre kleinen Schnäbel auf. Gegen 08:50 sind es 5 rosarote, nackte Häufchen, es fehlen noch 2.
Die Meisenmutti räumt die Eierschalen weg indem sie sie verspeist. Der Meisenvater bringt ihr Raupen, Maden und ähnliches Futter, das zerkleinert an den Nachwuchs verfüttert wird. Die Jungen werden auch weiterhin von der Mutter gewärmt - bei diesem kalten Regenwetter ist das sicher angenehm.
Bei den verbleibenden 2 Eiern rührt sich bis zum späten Nachmittag nichts. In größeren Abständen geht die Vogelmutter selbst auf Futtersuche und kehrt mit feuchtem Gefieder zurück zum Gelege.

06. Juni: Die beiden Nachzügler haben es auch geschafft. Es sind jetzt sieben.

7. - 8. Juni: Beide Eltern füttern jetzt den Nachwuchs. Sieben Schnäbel stopfen ist ganz schön stressig. Nachts werden die Kleinen immer noch warm gehalten.

09. Juni.:  Heute konnten wir die Entsorgung des Kots beobachten - kleine, weiße Kügelchen werden abtransportiert. An den Flügeln sind die Kiele der zukünftigen Federn sichtbar. Auf den Köpfen gibt es bereits einen leichtem Flaum.

11. Juni:  Nur zwei Tage später sind die Ansätze der Flügelfedern deutlich ausgeprägt und haben eine dunkle Farbe. Auch auf den Rücken ist eine Färbung zu sehen. Die Schnäbel sind allmählich erkennbar. Solch eine rasante Entwicklung  ist sehr beeindruckend.

14. Juni: Die Meisenkinder haben innerhalb von nur 9 Tagen nach dem Schlüpfen eine dunkle Färbung angenommen. Die Ohröffnung ist deutlich zu sehen.


15. Juni: Wir zählen während der Fütterung immer wieder, kommen aber nur noch auf 5 statt 7! Was ist passiert? Wo sind die 2 geblieben? Da der Film durchgehend aufgenommen und archiviert wird, finden wir den Verbleib der beiden: Bereits gestern morgen waren 2 tot und lagen regungslos unter den anderen. Die Mutter bemerkte das, fasste das Erste um 09.00 Uhr und das Zweite um 11:45 Uhr mit dem Schnabel und warf sie kurzerhand aus dem Kasten. Etwas anstrengend; aber sie schaffte das. Hygiene muss auch hier sein. Die übrig gebliebenen 5 haben jetzt mehr Platz.
In einem späteren Kurzfilm über die Zeit vom Nestbau bis zum ersten Ausflug wird man diese Szene sehen können!


16. Juni: Die Nacktheit ist inzwischen fast überwunden: Man sieht deutlich die Federansätze an den Flügeln und den sich überall ausbreitenden Flaum. Eines der fünf scheint schwächer zu sein als die Anderen, denn es reißt nicht so lange den Schnabel auf und wird auch oft regelrecht untergebuttert.

17. Juni:  Ein weiterer großer Schritt: Die Augen werden geöffnet. 

19. Juni: Die Bauchfedern sind inzwischen deutlich gelb gefärbt. Ein Vögelchen scheint schwächer und kleiner als die anderen zu sein.

20. Juni: Heute sind es nur noch vier Junge, das fünfte liegt tot dazwischen.

21. Juni: Im Laufe des Tages wird das tote Vogelbaby von der Mutter aus dem Nest gebracht, damit die anderen nicht krank werden. Das war sicherlich nicht so einfach für die Mutter, denn die Kleinen sind bestimmt schon recht schwer. Es fällt auf, dass sie sich laufend im Gefieder picken. Ob sie Flöhe haben??

22. Juni: Hin und wieder wird flattern geübt. Dabei schlagen sie bereits ganz schön schnell mit den Flügelchen. Es wird sicherlich nicht mehr allzu lange dauern, bis sie das Nest verlassen. Ob sie dann abends wieder zum Schlafen zurückkommen? 


25. Juni: Heute geht es los. Es breitet sich eine gewisse Unruhe bei den Kleinen aus. Der bisher schützende Kasten wird zu eng und die weite Vogelwelt, aus der die Mutter immer wieder Fressen bringt, lockt. Bis irgendwann das Frechste oder Mutigste den Sprung zum Einflugloch wagt. Es ist der reine Wahnsinn, was es da alles zu sehen gibt: Bäume, Sträucher, Gras und sogar Wasser!  Die Mutter lockt bereits mit ihren Rufen. Noch einmal kurz die Risiken und eventuelle Nebenwirkungen gecheckt- und ab geht's. Da waren's nur noch drei. Im Laufe des Tages verlassen alle das Nest-bis auf das Nesthäkchen. Es traut sich noch nicht. Die Mutter erscheint immer wieder zum Füttern, nimmt das Futter ab auch schon mal wieder mit nach draußen und lockt das Nesthäkchen, endlich raus zu kommen. Heute nicht!


26. Juni: Nachdem unser Nesthäkchen die Nacht ganz allein im Nest verbringen musste, nahm es aber dann am frühen Morgen allen Mut zusammen und startete ebenfalls in die große, neue Vogelwelt. Hier fand sich die ganze Familie wieder in den nahe gelegenen Büschen, Bäumen oder auf einem Zaun. An den noch gelben Schnabelrändern waren sie immer gut zu erkennen. Beide Eltern passten jetzt auf, dass keine Katzen in der Nähe waren und fütterten erstmal weiter. Das selbständige finden der Beute muss schließlich noch erlernt werden. Und das Fliegen ist auch noch etwas unsicher.

27. Juni: Das Nest bleibt jetzt leer. Manchmal kommen sie zwar nochmal zu Besuch in den Busch vor dem Vogelkasten; aber ihre Welt ist jetzt draußen. Auch nachts oder bei Regen.

 

Schluss:
Der Nistkasten bleibt vorerst so, wie er verlassen wurde, hängen. Im Winter suchen dort manchmal Kleintiere wie Ohrenschleifer Schutz. Die Kamera bleibt auch. Schon am nächsten Tag meldet sie einen Ohrenschleifer, der schon mal nachsieht, ob man mit dem Nest was anfangen kann.

Erst im nächsten Frühjahr erfolgt die Reinigung. Wir freuen uns bereits auf die nächste Herforster Vogelfamilie.