Ein Volk trauert! Ist das so? Immer öfters hört man die Meinung, man solle den Volkstrauertag abschaffen. Der Krieg sei so lange her und der Bezug zu diesem Termin im November gehe immer mehr verloren. In der Tat stellt sich die Frage, ob Trauer überhaupt kollektiv verstanden  oder gar verordnet werden kann. Kann ein Volk trauern? Trauer ist ein individuelles Gefühl. Man trauert um Menschen, die einem nahestanden, die man schmerzlich vermisst.

Als der Volkstrauertag eingeführt wurde, trauerte jede Familie  um Angehörige, die den Krieg nicht überlebt hatten. In den letzten 75 Jahren seit Kriegsende gab es viele Ereignisse, die von Familien ähnlich schrecklich wie der Zweite Weltkrieg empfunden wurden. Man denke an das  Zugunglück von Eschede, bei dem 1998 über 100 Menschen starben. Damals gab es im Juni so etwas wie einen Volkstrauertag. Der damalige Bundesinnenminister ordnete wegen des Zugunglücks Trauerbeflaggung für alle öffentlichen Gebäude in Deutschland an. Zehn Jahre zuvor hatte die Katastrophe von Ramstein unendlich viel Elend mit sich gebracht. Erinnern darf man aber auch an die Amokläufe in unseren  Schulen oder an die zahlreichen Terroranschläge der jüngsten Zeit,  bei denen Unschuldige ums Leben kamen. Irgendwann wird auch hoffentlich die Coronazeit ein Ende finden, und auch hier werden wieder viele Menschen mit Trauer zurückblicken müssen.

Ein Tag der Besinnung, unabhängig von konfessionellen und nationalen Bindungen, ist sinnvoll. Jeder darf diesen Tag selbst mit seinen Erinnerungen, Verlusten und „persönlichen Kriegen“, die er führen musste, füllen. Und wir dürfen auch an die Menschen denken, die keinen Trauertag im Kalender brauchen, weil sie seit einem bestimmten Ereignis eh jeden Tag trauern.

Hierbei können uns die Toten der Weltkriege zum Frieden, zur Versöhnung und zum Zusammenhalt über nationale Grenzen hinweg  mahnen.

 

Sigrid Heinemann,

Ortsbürgermeisterin